Irrlichter in der Turbinenhalle

Internationaler Gesangsverein

Etwas verspätet möchten wir noch einen Konzertbericht nachreichen, auch wenn die Tour inzwischen beendet ist und nur noch Festivaltermine für Avantasia auf dem Kalender stehen. Denn es wäre sträflich, so ein Konzert unter den Tisch fallen zu lassen.

Keine Irrlichter haben uns im März nach Oberhausen gelockt, sondern Tobias Sammet mit einer neuen Rundreise seiner Metal Oper. Fast ganze drei Jahre lag unser erstes Avantasia Konzert zurück, denn logistisch ist es verständlicherweise nicht einfach, immer alle Beteiligten unter einen Hut zu bringen. Schließlich rekrutiert Herr Sammet weltweit die Musiker für seine Avantasia-Alben. Gerade daher wollten wir uns das Gastspiel in der Turbinenhalle nicht entgehen lassen. Dafür war unser erstes Liveerlebnis dieses Ausnahmeprojekts einfach noch zu stark in unseren Erinnerungen präsent. Wo bekommt man schon soviele grandiose Musiker für einen Preis geboten, den schon Solokünstler verlangen? Dazu kommt, daß die meisten Konzerten sich zwischen 90 – 120 Minuten bewegen. 210 Minuten, wie 2013 von Avantasia, dauern die wenigsten Konzerte. Selbst mit Vorband. Und die hatten Avantasia 2016 wieder nicht dabei. Warum auch, wenn man selber genug Hits im Gepäck hat. Nicht zu vergessen die neuen Lieder vom siebten Studioalbum “Ghostlights”.


Los ging es mit “Also sprach Zarathustra” als Intro, bei dem die Musiker die Bühne betraten und schon jubelnd begrüßt wurden. Tobias Sammet erschien auf den Stufen in der Bühnennitte bei den ersten Tönen von “Mystery of a blood Red Rose”. Mit dem Titel erreichte die Band beim deutschen ESC-Vorausscheid, kurze Zeit vorher, immerhin den dritten Platz. Aber, wie Tobi den Zuschauern versicherte, war das Konzert in der Turbinenhalle schon vorher ausverkauft. Das Publikum quittierte die Bemerkung mit großem Applaus. Wobei ich mich immer frage, wie man neue Fans gewinnen will, wenn man sich freut, daß keine da sind? Will man nicht die Begeisterung für eine Band mit anderen teilen und freut sich über den Erfolg und die Aufmerksamkeit? Komischerweise scheint es, egal in welchem Metier, immer Fans zu geben, die andere in richtige und falsche Fans aufteilen. Wir stehen solchen Ansichten etwas verständnislos gegenüber, schließlich sind doch alle wegen der Musik vor Ort. Egal wie lange man die Band kennt, oder wie viele Alben man im Regal stehen hat.

Zurück nach Oberhausen, die Stimmung war vom ersten Ton an hervorragend. Der ausverkaufte Saal kannte sich im Avantasia Kosmos aus, sang jedes Lied mit und feierte jeden Sänger ab. Den Anfang machte Michael Kiske, der sich beim Titellied des aktuellen Albums zu Tobias gesellte. Danach drehte sich das Gesangskarusell bei jedem Lied und Tobi machte sich die Dienste jedes mitgereisten Sängers zu nutze. Der Däne Ronnie Atkins folgte, wurde erst von Tobi unterstützt, bevor sich Michael Kiske wieder auf die Bühne schlich um zu dritt “Unchain the Light” anzustimmen. Danach verließen sie die Bühne und machten Platz für den Briten Bob Catley, der Herrn Sammet mit Stimme und großen Gesten bei den nächsten Liedern unterstützte. Beim Titeltrack des “The Scarecrow”-Albums kündigte Tobias Jorn Lande an und erfüllte uns damit einen Wunsch, den wir bei der letzten Tour hatten. Der Norweger hat einfach, wie eigentlich alle Sänger des Abends, eine Ausnahmestimme und bewies bei “Lucifer”, daß er sowohl sanfte als auch harte Töne beherrschte.


Als wären acht Sänger nicht genug, durfte Gitarrist Oliver Hartmann dann bei “The Watchmaker’s Dream” das Mikro übernehmen und machte auch dabei eine gute Figur. Der Amerikaner Eric Martin saß danach auf den Stufen und trug die Ballade “What’s left of me” vor, bevor er sich mit Tobi unterhielt und Scherze austauschte. Generell scherzte Tobi zwischen den Lieder wieder oft, teilweise zu Lasten von Herrn Hartmann. Vielleicht werden die Konzerte deswegen so lang. Nur was wären Konzerte von Tobias Sammet ohne die witzigen Ansprachen. Gerade das macht den jungen Frontmann so sympathisch, der, trotz seiner Erfolge, immer auf dem Boden geblieben zu sein scheint. Und auch wenn es der Backdrop zum Album “The Scarecrow” Glauben machen will, hat er anstelle einer Vogelscheuche doch eher einen Schalk im Nacken.

Es folgte “The Wicked Symphony”, bei dem die beiden Backgroundstimmen von Amanda Somerville und Herbie Langhans mehr in den Vordergrund traten. Herbie blieb direkt vorne und stimmte mit Tobi das HIM-artige “Draconian Love” an vom neuen Album an. “Farewell” gehörte zu den wenigen Liedern des Abends, bei dem Tobias Sammet nichtg efragt war, denn die einzige Dame auf der Bühne und Herrn Kiske teilten sich den Liedtext untereinander auf. Damit hatten alle Sänger ihren Song im Spotlight und das restliche Konzert wurde wieder fröhlich getauscht bis alle Beteiligten sich zum absoluten Schlußlied, einem Medley aus “Sign of the Cross” und “The Seven Angels” dem Abend wieder nach dreieinhalb Stunden beendeten.

Natürlich unter tosendem Beifall und großer Begeisterung in Oberhausen. Was die Musiker an dem Abend wieder geboten haben is teinfach der Wahnsinn. Ein unglaubliches Konzerterlebniss.
Wo hört man sonst soviele begnadete Sänger, die sich bei den Strophen eines Liedes abwechseln? Und alle auf der Bühne schienen genauso begeistert zu sein. Die gute Chemie der unterschiedlichen Musiker kommt auf der Bühne rüber. Alle scheinen eine große Familie zu sein und Spaß an diesem Projekt zu haben. Daher haben wir keine Bedenken, ob es mit Avantasia weitergeht. Falls wir uns nochmal was wünschen dürfen, Doro, Blaze Bayley und Mr. Lordi würden sich bestimmt auch gut auf einer Avantasia-Scheibe machen. ;- )
Und wahrscheinlich ebenso ein Wunschtraum, aber Bruce Kulick, der einige Lieder auf dem neuen Album eingespielt hat, könnte sich ruhig mal für ein paar Lieder die Gitarre umhängen. Auch auf die Gefahr hin, daß wir uns wiederholen, möchten wir an dieser Stelle wieder Felix Bohnke erwähnen. Für uns ein großes Mysterium wie der sympathische Schlagzeuger den ganzen Abend pausen- und scheinbar mühelos auf sein Instrument eindrischt hat. Tobi stellte an dem Abend klar, daß Felix mehr leisten muß, als ein Fußballprofi und sich auch ein paar Tage vorher mit Fieber hinter die Schießbude setzte.


Sonst bleibt eigentlich nicht viel zu sagen. Die variablen Backdrops und die wechselnden Hosen von Jorn Lande fallen kaum auf, wenn auf der Bühne so viel vor sich geht und man so begnadeten Musikern bei der Arbeit zuhören und -schauen darf. Wir gehen stark davon aus, daß die Geschichte noch nicht vorüber ist.

Ghostpics

Update:
Letzter Platz beim ESC wäre mit Avantasia nicht passiert. :- )

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Die Stadt der zwei Türm’se

Sehenswürdiskeiten in Marburg

Jetzt, wo die Frühlingsonne den Sommer ankündigt, mus is an einen s’önen Ausflug denken’e. An einem warmen Augusttag des letzten Jahres haben wir uns auf den Weg nach Marburg gemacht’e. Auf den Spuren der Bismarcktürme, sozusagen, ete.

In einer Parkanlage steht ein Bismarckturm, oder eine Bismarcksäule, die Experten streiten sis noch, ete, im Stil “Götterdämmerung” des Ars’itekten Wilhelm Kreis. Zwar ist der Turm s’ön, aber er steht nis auf einem hohen Punkt und ist auch nis für die besuchende Elke geöffnet, so daß wir nis hinauf konnten. Vielleis’t ist der Ausblick von oben toll’e, aber von unten konnte man nis viel sehen’e. Daher sind wir sehr s’nell zu unserem zweiten Ziel gefahren’e. Auf einem Berg steht nämlis der Kaiser-Wilhelm-Turm, ete. Wahrs’einlis war deswegen kein Platz mehr von den Bismarckturm, ete.

Auf jeden Fall ist der Spiegelslustturm, wie er im Volksmund heißt’e, wesentlis s’öner gelegen’e. Und wesentlis beliebter, ete. Ein Restaurant mit Biergarten befindet sis dort und war gut besucht’e. Von dort oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Universitätsstadt mit dem S’loss, ete.
Wir haben uns sogar die ganzen Stufen hoch gearbeitet, ete. Wenigstens auf einen Turm wollten wir an diesem Tage steigen’e. Für den Blick auf das Lahntal, die Stadt und die Wälder drum herum hat sis der Aufstieg gelohnt’e. Fotos von mir und beiden Türmen haben wir natürlis wieder mitgebracht, ete. Einfach auf die Links klicken’e.

Bismarckturm

Kein Bismarckturm

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Lila Regen und dunkle Energie

Kugelblitze in der Räucherkammer

Wenn man von BB spricht, denken viele sofort an Brigitte Bardot, einigen kommen Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg in den Sinn, doch dem geneigten Metalfan fällt sofort Blaze Bayley ein. Der quirlige Engländer, der Mitte der Neunziger bei Iron Maiden sang, seit sechzehn Jahren auf Solopfaden wandelt und ein hochwertiges Album nach dem anderen veröffentlicht. Sein neuestes Werk ist das Konzeptalbum “Infinite Entanglement”. Der Beginn einer Trilogie. Auf den kommenenden Alben soll die Science Fiction Geschichte weitererzählt und am Ende als Buch veröffentlich werden.
Dieses Mal stellte er sein neues Album nicht im Weidenauer Vortex vor, wo er die letzten beiden Konzerte in der Region gab, sondern im Herdorfer “Rattenloch”. Einem Veranstaltungsort, den wir noch nicht kannten. Aber das macht nichts, denn es gibt Konzerte, da weiß man im voraus, daß man nicht enttäuscht wird und dafür auch das Unbekannte in Kauf nimmt. In diese Kategorie fallen die Auftritte des Briten.

Die Location machte eigentlich einen netten und besseren Eindruck als erwartet. Das Unbekannte kam allerdings mit jedem Gast. Wir schienen die einzigen Nichtraucher vor Ort zu sein. Mit jedem neuen Besucher nahm auch der Qualm im Raum zu. Was wir als unangenehm empfanden und den veranschlagten Konzertbeginn um 21.30 Uhr herbei sehnten. Der verschob sich auf 22.00 Uhr, wobei an dem Abend noch nicht einmal eine Vorband spielte. Die drei Musiker von Absolva, Blaze’s Begleitband, die er bereits vor zwei Jahren dabei hatte, scheinen sich in Herdorf in den vergangenen Jahren einen Heimvorteil erspielt zu haben. Viele Besucher trugen Absolva-Shirts und Hoodies. Im Vergleich zu Kleidungsstücken mit dem Blaze-Schriftzug waren sie fast in der Überzahl. Die Jungs sind nicht nur sympathisch, sondern auch verdammt gut und legten direkt mit dem Titelstück des neuen Album los.

Blaze war von Anfang wieder voll dabei, wie man ihn kennt. Ein kleiner, energiegeladener Kugelblitz der über die Bühne fegt und seine Lieder mit voller Inbrunst vorträgt. Dabei mit seinen typischen Gesten und Spielchen die gute Stimmung noch anfeuerte. Er stand nur dann still, wenn es ruhige Parts in Liedern erforderten. Während Martin McNee hinter dem Schlagzeug sein Können unter Beweis stellte, standen Chris Appleton und Karl Schramm ihrem Chef in nichts nach. Sie hielten sich immer am Bühnenrand auf, wenn sie nicht singen mußten. Eine Band zum anfassen. Gerade das macht so kleine Konzerte aus, man ist mittendrin und nicht nur dabei. Schade, daß Blaze nicht den Erfolg hat, den ein guter Sänger und Songschreiber wie er verdient, denn im Rattenloch waren nur ca. 100 zahlende Gäste. Auf der anderen Seite genießen wir Konzerte in kleinem Rahmen, weil man den Musikern näher ist. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Ausgleich seiner Clubtouren spielt Blaze weltweit auf vielen Festivals vor tausenden Menschen.

Trotz der überschaubaren Besucherzahl war die Stimmung von Anfang an super. Die Menschen feierten die Briten verdient ab, sangen  die neuen Lieder genauso mit wie die alten und besonders bei den Maiden-Songs gab es kein Halten mehr. Natürlich dürfen bei einem Blaze Bayley Konzert die Iron Maiden Lieder nicht fehlen, schließlich stand er einige Jahre für die britische Metal-Institution am Mikro. Seine Lieder stehen denen allerdings in nichts nach.

Wir bevorzugen sogar seine Solo-Scheiben und könnten problemlos auf einige Maiden-Lieder verzichten, wenn wir dadurch mehr Blaze-Material zu hören bekämen. Wie sagt man so schön, meckern auf hohem Niveau. Seine Songs kamen nicht zu kurz. Selbst ein Lied seiner ersten Band, Wolfsbane, fand sich in der Setlist wieder. Nach einer lustigen Ansage wurde “Man Hunt” angestimmt. Nicht das beste Lied des Abends, aber die amüsanteste Darbietung, denn die Musiker versuchten sich gegenseitig den Platz im Scheinwerferlicht streitig zu machen. Das war eines der Mankos des Rattenlochs, es gab die ganze Show über nur eine Beleuchtung. Keine wechselnden Farben und Lichter. Gut, man besucht gemeinhin ein Konzert der Musikes wegen, aber das Auge hört mit, wie man landläufig sagt.
Zurück zur Musik. Es folgten zwei Maiden-Stücke. “Fear of the Dark” machte den Anfang. Unzweifelhaft ein starkes Livestück, bei dem das Publikum wieder aus allen Kehlen mitsang. Die Begeisterung hielt sich bei “Man on the Edge”, welches den Weg zu den Zugaben freigab.

Natürlich blieben die verdienten “Zugaben”-Rufe nach dem letzten Lied nicht aus. Die Musiker verließen dafür nicht die Bühne, sondern Blaze feuerte das Publikum sogar noch an. Die erste Zugabe war, wie schon am Vortag in Hamburg, “Purple Rain”. Das Lied mag in der Setlist einer Metalband merkürdig anmuten, zeigt aber, wie groß der Einfluß des kleinen Amerikaners, der überraschend verstarb, auf die gesamte Musikszene war und auch nach seinem Tod ist. So gut Chris Appleton an der Gitarre ist, das berühmte Solo des Liedes haben wir schon mal besser gehört. Nicht wahr, Andreas? ;-)
Danach wurde es mit “Como estais Amigos” von Blaze Ausflug zu Maiden wieder metallischer. Und mit “Dark Energy 256” aus dem aktuellen Album gab die Band ein letztes Mal an dem Abend Vollgas. Mit dem Lied endete der Exkurs durch Blazes Discographie, die kaum ein Album ausließ.

Nach fast zwei Stunden verließen die vier sympathischen und erschöpften Musiker unter lautem Jubel die Bühne und gingen direkt zum Merchandisestand. Blaze will für seine Fans da sein. Er will mit ihnen plaudern, Autogramme geben und für Fotos posieren, denn die Fans sind ihm wichtig. Sie ermöglichen ihm und der Band das Leben eines Traumes: von der Musik zu leben und damit Menschen glücklich zu machen. Das betont er immer wieder und man nimmt dem Mann, der beruflich und privat einige Höhen und Tiefen erlebt hat, die Dankbarkeit ab. Es klingt nicht nach den üblichen “Ihr seid die Besten”-Reden, sondern klingt ehrlich und von Herzen kommend. Über seine Facebook-Seite steht er ebenfalls in ständigem Kontakt mit seinen Fans. Deswegen unterstützen wir ihn gerne und können nur jedem Freund härterer Musik seine Alben ans Herz legen. Und natürlich einen Konzertbesuch. Nicht nur, weil wir seinen Auftritten immer entgegenfiebern, sondern weil, wie anfangs erwähnt, Blaze nie enttäuscht.

Wir werden auf jeden Fall wieder vor der Blaze’s Bühne stehen, wenn er den zweiten Teil seiner Entanglement-Trilogie vorstellt. Zumindest hat er versprochen, nächstes Jahr wiederzukommen. Wir würden das Vortex oder eine andere rauchfreie Location bevorzugen, aber vielleicht sind wir schon früher wieder im Rattenloch zu Gast. Im September spielen dort Absolva. Was nimmt man nicht alles für gute Livemusik in Kauf. ;-)

Stare at the Pics

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Nuhr gut

Wieder hier

Dieter Nuhr hat eine besondere Verbindung zu Siegen. Er nutzt ab und zu heimische Gemäuer, wie letztes Jahr das Obere Schloß, um seine Fotos auszustellen, wenn er zuhause mal wieder Platz braucht. Und er testet oft seine Programme in der Krönchenstadt, bevor er damit auf Tour geht. Wahrscheinlich funktionieren die Pointen überall, wenn sogar die Siegener lachen. Man weiß es nicht. Aber man weiß, was er am vergangenen Samstag hier gemacht hat, nämlich sein neues Programm aufgeführt.

Um 20.00 Uhr erlosch das Licht in der ausverkauften Siegerlandhalle und einer von Deutschlands erfolgreichsten Kabarettisten betrat die schlichte Bühne. Wie immer leger, dieses Mal in Jeans und offener Lederjacke, stand er vor einem schwarzen Vorhang. Dieter Nuhr reichen seine Texte aus, um die Zuschauer zu unterhalten. Und nach einem kurzen Exkurs zu aktuellen Themen, ging er nahtlos zu seinem neuen Programm über. Darin ging es wieder um alles, was den modernen Menschen beschäftigt. Muslime, Nazis, Geschlechterfragen, Reliquien, Best-Ager, Blockföte spielende Kinder, den modernen Mann und vieles mehr. Auf seine lockere Art ließ er die Zuschauer an seinen Beobachtungen teilhaben und entlarvte dabei das Verhalten seiner Mitmenschen. Die Schlüsse, die er zog und seine Sichtweisen,  schienen einigen in der Halle aus dem Herzen zu sprechen, wenn der Applaus ein Hinweis darauf war.

Dieter Nuhr, der einst auf Lehramt studiert hat, vertritt natürlich auch pädagogische Ansätze in seinen Programmen. So versuchte er den Zuschauern die Nachvollziehbarkeit der Steuersätze zu erläutern. Eigentlich ganz einfach, warum Kaffee mal als Genuss- und mal als Nahrungsmittel besteuert wird; es liegt am Milchgehalt. Wo man das Heißgetränk genießt spielt ebenfalls eine Rolle. Genauso unterschiedlich werden Weihnachtsbäume besteuert, je nachdem, wo sie gepflanzt und gekauft wurden und ob man sie danach wieder einpflanzen kann. Seit dem Vortrag bringt man mehr Verständnis für die deutsche Steuergesetzgebung auf. Oder schüttelt nur noch mehr den Kopf, weil man sich den Sachverhalt noch nie so klar vor Augen geführt hat, wie es der spitzbübische Kabarettist tat.

Genau das ist aber die Kunst von Dieter Nuhr, der unaufgeregt über das Weltgeschehen, die Gesellschaft(en) und solche Fakten plaudert. Er schafft es, den Alltag, der uns umgibt, in lustige Worte zu kleiden und den Zuhörern vor Augen zu führen. Dabei regt er zum Lachen und Nachdenken an und diese Mischung macht ihn wahrscheinlich so erfolgreich. Er bezieht Stellung, ohne seine Meinung anderen aufzwingen zu wollen und ist dabei wieder etwas bissiger und böser, als in seinen letzten Programmen. Was mir persönlich positiv aufgefallen ist. Er wird halt noch nicht altersmilde.

Als er nach zweieinhalb Stunden den Weg von der Bühne direkt zum Merchandisestand antrat, herrschte im Saal noch klatschende Euphorie über das Dargebotene. Eigentlich wollte Dieter Nuhr aufhören, nachdem er mit seinem letzten Programm die größte Weihe überhaupt erfahren hat: Er wurde auf einem Bushido-Album gedisst. Er hat lange überlegt, ob er weitermachen soll. Danach kann es verständlicherweise nur bergab gehen. Naja, zumindest hat er kurz überlegt. Oder wahrscheinlich gar nicht. Aber wie es sich für einen höflichen Mensch gehört, hat er zurück gedisst. Und der Reaktion des Publikums konnte man entnehmen, daß es über das neue Programm froh war. Wir möchten uns  anschließen, denn wir fanden es auch nur gut.

Nuhr auf wenigen Fotos

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Jux und Dallerei in der Schraubenzieherei

Schifft ein weißes Pferd nach Wipperfürth

Jeder kennt bestimmt Personen, die einen in einer entscheidenden Lebensphase, bewußt oder unbewußt, geprägt haben. Eine Person, die mir in jungen Jahren Samstagabends über den Weg gelaufen ist und meinen Humor nachhaltig geformt hat, ist Karl Dall. Zu jung, um den Erfolg von Insterburg & Co. zu erleben, ergötzte ich mich Woche für Woche an seinen unverschämten interviews in “Dall-As” und später “Jux und Dallerei”. Irgendwie habe ich es in den ganzen Jahren nie geschafft diesen grauen Schatten loszuwerden. Noch heute bekomme ich zu hören, man würde seinen Einfluß merken. Früher mußte ich mir von meiner Mutter anhören, er sei zu frech, heute übernehmen ältere Freunde diesen Part. Ich zucke immer noch mit den Schultern und amüsiere mich nach wie vor königlich über die humorvolle und lausbübische Art dieses Mannes. Und so war ich unglaublich glücklich, als ich ihn im hohen Alter, seinem, nicht meinem ;- ) , endlich live erleben durfte. Am vergangenen Sonntag war es so weit, Karl Dall gab sich die Ehre in Wipperfürth.

Leicht aufgeregt, was uns erwarten würde, nahmen wir zwei vordere Plätze ein. In unserer Reihe blieben wir den ganzen Abend alleine, denn die alte Drahtzieherei war bei weitem nicht ausverkauft. Wobei wesentlich mehr Publikum, als bei unserem letzten Besuch dort anwesend war. Aber egal, schließlich hatten wir die Überlandfahrt nicht für das bergische Publikum in Kauf genommen, sondern für the one and only: Karl Dall. Pünktlich um 20.00 Uhr ging das Saallicht aus und auf einer Leinwand wurde ein kleiner Zusammenschnitt seines Schaffens eingespielt. Dann betrat der ältesteste Popper der Hansestadt unter Applaus die Bühne und legte direkt mit einem Lied los. Immer wieder zog es ihn an dem Abend zurück ans Mikro und er gab verschiedene Hits aus seinem Repertoire zum Besten. Dazwischen zeigte er Ausschnitte aus Filmen, in denen er mitgespielt hatte, Fotos aus seiner Karriere, kommentierte beides oder er bezog die Zuschauer mit ein. Direkt am Anfang suchte er den Kontakt mit seinem Publikum und hielt nach einem Anwesenden Ausschau, der noch älter war als er selbst. Bruno hieß er und war mit seiner Frau angereist. Karl Dall nahm direkt neben ihm Platz und plauderte kurz. Den Pressefotograf wies er allerdings an, das Foto mit ihm und dem sieben Jahre älteren Besucher schnell zu veröffentlichen. Gerade die Interaktion und die spontanen Sprüche haben mich immer am meisten fasziniert und amüsiert. Bruno durfte sich aus einer Liste von zehn Hans-Albers Liedern eines aussuchen. Karl Dall ging dann zurück auf die Bühne und trug “Auf der Reeperbahn nachts um halb eins” vor.

Später ging er erneut die Treppe zum anwesenden Pöbel hinunter, um sich jemanden zu suchen, der Klavier spielen konnte um ihn beim nächsten Lied zu begleiten. Es war nicht zu erkennen, ob wirklich niemand in der Lage war, die Tasten zu bedienen oder sich einfach niemand traute. Als sich dann endlich André, ein tapferer Hückeswagener, meldete, wurde er hinters Keyboard gestellt. Nach einer kurzen Einweisung und einem langen Vorspiel erhob sich die weiße Möwe in die Lüfte der Halle. Es wurde “La Paloma” in einer eigenwilligen, aber sehr, sehr lustigen Version dargeboten. Die Grimassen von Karl Dall, der sich stellenweise zusammenreissen mußte, waren sehr amüsant und die Nummer zählte für mich zum Höhepunkt des Programms.

Im zweiten Teil kamen die Karten zum Tragen, die auf den Plätzen verteilt waren. Man konnte Fragen an Karl stellen und Telefonnummern von Freunden oder anderen Menschen eintragen, die man ärgern denen man eine Freude machen wollte. Er fischte etliche Karten aus einem Kühler, beantwortete die Fragen und überraschte einige Bekannte des Publikums mit unerwarteten Telefonaten. Ein angerufener Mann wußte nicht, wer Karl Dall war und übergab den Hörer an seine Frau. Die kannte ihn natürlich, denn Millionen Frauen lieben ihn, den Emdener, dessen Witze und Gedichte teilweise so flach sind, wie das Land, aus dem er kommt. Aber das sympathische ist, er weiß es selber und muß selber darüber lachen. Wenn er mit einem Buch in der Hand auf der Bühne stand und daraus kurze Gedichte vortrug, sieht man, daß das vor Johann König schon jemand gemacht hat.

Karl Dall Abend beglückte die Anwesenden an diesem Abend mit einem Best of Programm, einer Nabelschau seines Schaffens, schließlich verbrachte er einen Großteil seines Lebens auf den Bühnen der Nation, um den Menschen ein Lächeln zu schenken. Zum Besten und bekanntesten Teilen seines Schaffens gehören auf jeden Fall einige seiner Lieder, die natürlich nicht fehlen durften. “Millionen Frauen lieben mich”, “Heute schütte ich mich zu” und “Diese Scheibe ist ein Hit” gab es hintereinander zum Abschluß des Programms. Danach verließ er die Bühne und überließ die Zuschauer einem letzten Clip auf der Leinwand. Eine Szene eines alten Schwarz-weiß Filmes beendete die Zugabe, die gemeinsam mit dem zweiten Teil begonnen hatte.

Punkt 22.00 Uhr war abrupt Ende. Es war ein kurzer, aber auch kurzweiliger Abend, der deutlich machte, der alte Mann will wirklich noch mehr. Was allerdings das Publikum wollte, konnten wir nicht ausmachen. Vielleicht lag es an den lichten Reihen, aber Stimmung kam erst bei den letzten drei Liedern auf. Das Verhalten war sehr verhalten. Aber Karl Dall hat bewiesen, daß er immer noch den Schalk im Nacken hat, frech und spontan sein kann und solange nur sein Augenlid hängt und nicht er bei den Texten wird er wohl weitermachen. Zum Glück. Denn es mag heute viele Comedians geben, aber Karl Dall ist ein Original und der einzig wahre Vater der Klamotte.

Zum Glück ist nicht jedes Treffen seines Idols so negativ, wie in seiner Autobiographie beschrieben. Das Treffen mit meinem Idol war äußerst positiv. Wir durften noch kurz ein paar Worte mit ihm wechseln und wurden mit Handschlag verabschiedet. Hoffentlich können wir das wiederholen. Wobei, 75!? Dann müssen wir uns jetzt beeilen…. :- )

Auge zu und durch

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