Monsterparty

Happy New Fear

Mit dem Alter wird man ruhiger, heißt es und irgendwie haben wir das auch schon einmal bei einem Blick auf unsere Konzerte festgestellt. Am vergangenen Donnerstag stand aber (endlich) mal wieder ein richtiges Hard Rock-Konzert im Kalender, mit allem was dazugehört: langes Anstehen, zwei (nicht erforderliche) Vorgruppen und lärmende E-Gitarren. :-) LORDI hatten nach Köln eingeladen und wir konnten nicht widerstehen, denn auf die letzte Tour haben wir es leider zeitlich nicht geschafft, so daß unsere letzte Begnung mit den fünf sympathischen Finnen bereits fünf lange Jahre zurück lag.

Nach anderthalb Stunden vor der Essigfabrik öffneten sich die Toren zur Hölle Halle und wir strömten in die zweite Reihe. Glücklicherweise begann die erste Vorband früher als gedacht. Um 19.30 Uhr enterten Reverse Grip mit einem Milchbubi-Axl Rose am Mikro die Bühne. Die Kanadier schienen ein paar Fans mitgebracht zu haben, die sie lauthals bejubelten. Sie boten anständigen Rock, aber nichts Neues oder Besonderes. Die Musik tat nicht weh, hinterließ bei uns aber auch keinen bleibenden Eindruck.
Nach dem Umbau auf der Bühne folgten dann Tri State Corner, die einen kraftvollen Sound und mit der Bouzouki ungewöhnliche Töne, durch die Halle schickten. Die Band hatte sichtlich Spaß und der deutsche Frontmann heizte dem Publikum mit ein paar Aufwärmspielchen ein. Uns wollte allerdings nicht so ganz warm werden dabei. Einzig der der Schlagzeuger, der mit mit vollem Körpereinsatz sein Instrument malträtierte, blieb in positiver Erinnerung.

Nachdem das überstanden war, hieß es auf die Hauptband warten. Die Zeit versüßte uns die Musik, die aus den Boxen kam und dort konnte man deutlich die Vorlieben vom Obermonster heraushören. Ich habe KISS, Vinnie Vincent Invasion und später Peter Criss erkannt. Wie immer leitete die Stimme von Mr. Lordi’s Idol Gene Simmons den nahenden Beginn ein, denn traditionell ist “God of Thunder” das letzte Lied und kaum verklungen, setzte das SCG6 Intro ein. Mana und Hella nahmen ihre Plätze hinter ihren Instrumenten ein und dann begann das Konzert, wie es sein muß. Mit dem ersten Lied des neuen Albums gab’s direkt auf die Zwölf, bevor LORDI mit Lied Nummer 2 dem Rock die Eier wiedergaben. Nach dem Anfang war auch die Marschrichtung des Abends klar: Keine Gefangenen.
Zwar behaupten sie, nicht schlecht für Kinder zu sein, sondern schlimmer, aber so ganz kann ich das nicht glauben, denn am Vorabend lief ein Bericht über die Band auf KiKa. :-)

Weiter ging’s in Köln mit “The Riff”, der ersten Single des aktuellen Albums, bei der Mr. Lordi sich die Möglichkeit nicht nehmen ließ, einen Tod mit HipHop Faible von der Bühne zu schubsen.
Generell geizte die Band nicht mit Showeinlagen, ob Puppen, Kettensägen, Schneekanonen etc., Lordi brachten alles auf die Bühne. Die Bewunderung für Alice Cooper wird anhand der Requisiten schon ziemlich deutlich, leider konnten sie es nicht KISS gleichtun, denn Pyros hätten zwar gepasst, sind aber in den kleinen Clubs aus Brandschutzgründen nicht möglich. Selbst Monster haben Angst vorm Ordnungsamt. Anders ausgedrückt, sie wollen nicht, daß etwas passiert, sie wollen nur spielen.

Besonders Mr. Lordi spielte viel und trug mal eine Fleischmütze und einen Eimer mit Körperteilen, oder einen Sandsack als Sandman, der so gar nichts mit dem Sandmännchen gemein hat. Mein persönlicher Favorit war eine verspiegelte Maske, die genau auf seine vier Gesichtshörnchen paßte.  Vor der Lobeshymne auf sich selber, erzählte Mr. Lordi kurz, daß es am wichtigsten ist, mit sich im Reinen zu sein und er sei der beste Mr. Lordi, den es gibt. Als Bestätigung bekam er während “I’m the Best” Urkunden, Pokale und ein Krönchen von Bewunderen hinter der Bühne überreicht.
Natürlich bekam jedes Mitglied seinen Moment auf der Bühne und damit sind nicht nur die Instrumentalsoli gemeint, möchte an dieser Stelle aber nicht alle Elemente vorwegnehmen.

Das Hauptaugenmerk der Setlist ruhte verständlicherweise auf dem neuen Album, wobei die Lieder von “Deadache” und “The Monsterican Dream” seit dem Tourstart rausgenommen wurden, bzw. in Köln gefehlt haben. Als Musiker kann man es nicht allen Besuchern recht machen, ich fand die Auswahl sehr gelungen.
“Devil is a Loser” beendete den regulären Teil des Konzerts, bei dem Lordi wieder seine Flügel spannte.

Natürlich ließen die begeisterten Fans die Band nicht so einfach in die Nacht verschwinden und forderten lautstark eine Zugabe. Es dauerte nicht lange, bis Mr. Lordi die Bühne wieder betrat und kurz erwähnte, daß es der folgende Song nicht aufs erste Album geschafft hat, ihn aber gut findet und die Zuschauer auf dieser Tour in den Genuß von “Hulking Dynamo” kommen. Der Song ist typisch LORDI und hätte gut auf “Get heavy” gepasst. Danach sollte schon wieder Schluß sein, aber eine Zugabe ist einfach zu wenig.
Außerdem fehlte noch das wichtigste und wohl bekannteste Lied der Finnen.

Die Halle ließ ein zweites Mal nicht locker. Mana und Hella waren wieder die ersten auf der Bühne und als das Keyboard-Intro erklang, sang sogar der Securitymann vor uns “Hard Rock Hallelujah” mit. Wer sagt, daß Arbeit keinen Spaß machen darf? ;-) Ox klopfte ihm an einer Stelle auf die Glatze und Mr. Lordi streichelte später mit seinen langen Fingern rüber. Die Fans nutzten ebenfalls die Chance, bei den letzten Liedern des Abends mitzusingen und beim zweiten Lied konnten sie jeglichen aufgestauten Frust auf unbeliebte Mitmenschen in die Halle brüllen. Auch wenn man “Sincerley with Love” nicht kennt, hat man die wichtigsten drei Wörter schnell drauf. :-)
Bevor im letzten Lied die Frage gestellt wurde: “Would you love a Monsterman?” und die Antwort nach dieser Show konnte nur mit “JA!” beantwortet werden.


Wer könnte die Monster nach diesem Konzert nicht lieben? Denn die Show, die einem hier für 30 Euro geboten wurde war abwechslungsreich und kurzweilig. Solange es LORDI gibt, müssen sich KISS und Alice Cooper keine Gedanken um ihr Erbe machen, sie haben würdige Nachfolger gefunden, die wissen, wie man eine Rockshow schmeißt.
Die Band gab von Anfang an Gas. Amen bewegte sich unentwegt, lief über die Bühne und bewies, wieviel Leben in einer Mumie stecken kann. Ox dagegen bewegte sich sparsamer, ist aber aufgrund seiner Statur und Hufe eine imposante Erscheinung.
Und obwohl ich Kita und Awa sehr mochte, haben mich Mana und Hella an dem Abend für sich eingenommen. Manas Spiel gefiel mir schon auf dem Album gut und er und das einzige weibliche Monster haben sich wirklich gut in die Band integriert.

Wenn man bedenkt, daß uns schon warm war, möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie man sich nach anderthalb Stunden unter Masken, Helmen und schweren Kostümen im Scheinwerferlicht fühlt. Deswegen muß man es den Monstern, schon hoch anrechnen, daß die sich nach der Show sogar noch ein paar Minuten Zeit für ein paar Zuschauer nahmen. Hella wurde scheinbar wieder demontiert und in ihre Box gepackt, aber die vier männlichen Monster posierten für Fotos, gaben Autogramme und unterhielten sich kurz mit den Fans.
Zum Glück haben sie sich nicht alles von KISS abgeschaut.
Der Auftrittsort war genaugenommen schlecht gewählt, denn es war nicht alles Essig, eher im Gegenteil. Die große Vorfreude auf das Konzert wurde in Köln mehr als erfüllt. Hoffentlich vergehen nicht wieder fünf Jahre.

I luve ugly

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Vorhof zum Schleicher

Mädchen gegen Jungs, die dritte Runde

Ein neuer Monat, ein neues Schleicher-Konzert. Im Duisburger Steinbruch fand am letzten Freitag das dritte von drei exklusiven Konzerten mit beiden Gruppen (Indigo Streichquartett und Andre Krengel’s Acoustic Embassy) statt, welches wir uns natürlich nicht entgehen lassen konnten.
Im Gegensatz zum Cafe Ada in Wuppertal ist der Steinbruch doch sehr klein und es wunderte mich, dass überhaupt alle Instrumente auf die Bühne passten. Die Kerzen auf der Bühne und den Tischen sorgten für stimmungsvolle Atmosphäre und bis zum Beginn konnten wir uns noch nett mit vielen bekannten Gesichtern unterhalten. Es ist einfach schön, dass Musik unterschiedliche Menschen zusammenbringt, die einem auch immer mehr ans Herz wachsen, je öfter man sie sieht.

Andreas eröffnete im roten Hemd mit „Wirklich wichtig“ den Abend und teilte dem Publikum mit, dass er wieder etwas kränkelte und am Morgen ohne Stimme aufgewacht war. Dies war jedoch nur beim ersten Lied noch hörbar – je weiter der Abend fortschritt, desto weniger merkte man etwas davon. Zunächst betrat die „Jungs“-Band die Bühne und es gab zwei Stücke von Andreas zu hören („Füße in Beton“ und „Nur mit dir“), bevor „Shape of my heart“ folgte. Der Kritiker einer Wuppertaler Zeitung hatte letztens Andre Krengels Gitarrenspiel als „zittrig“ beschrieben. Keine Ahnung, ob es noch einen anderen Andre Krengel gibt – der Andre an diesem Abend jedoch versteht absolut sein Handwerk und seine Finger fliegen nur so über die Saiten, wie man bei diesem Stück staunend beobachten konnte.

Anschließend war es für die Mädchen Zeit, zu ihren Instrumenten zu greifen (dies hatte der lokale Pressevertreter knapp verpasst). Vielleicht lag es daran, dass wir direkt vor dem Quartett saßen, aber „Bis hier“ und „Hunger nach Fisch“ klangen in meinen Ohren heute besonders gut, noch besser als auf CD.
In „Hunger nach Fisch“ gibt es eine Passage, bei der das Mitmachen vom Publikum gefragt ist. Im letzten Satz des Raps gilt es, ein Wort zu ersetzen. „Hast du kleine Brüste, lässt du sie operieren, hast du große Brüste, lässt du sie…?“


Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt und es folgten Vorschläge von „filetieren“ bis „tapezieren“. „Karamellisieren“ machte das Rennen. Heiko Braun nutzte diese Vorlage und fragte, ob dies dann „Werther’s Echte“ wären. Chapeau für diesen Gag. :-) Überhaupt zeigte er an diesem Abend, dass er nicht nur ein toller Percussionist und Backgroundsänger ist, er stellte am heutigen Abend des öfteren sein Comedy-Talent unter Beweis. Bei „Flaschengeist“, dem letzten Stück vor der Pause, kam seine besondere Gabe, einen ploppenden Korken aus einer Flasche zu imitieren, zum Einsatz. Teilweise auch spontan zwischendurch, was zu Erheiterung vor und auf der Bühne führte. Vor kurzem ist in einem gewissen lustigen Trio eine Stelle freigeworden – vielleicht hätte eine Bewerbung von Heiko gute Karten.

Im zweiten Teil des Konzertabends, den Andreas im blauen Hemd bestritt, wurde es für kurze Zeit „unplugged” und für das einzige englischsprachige Lied der CD, „That’s it“, aller Strom abgedreht (sobald die passenden Schalter dafür gefunden waren) und der Sänger schritt mit der akustischen Gitarre durch die Reihen der Zuschauer.
Nach einer weiteren Moderation war es Zeit für „Anderer Stern“. Das Lied ist ohnehin schon eines der schönsten Stücke mit einer traurigen Thematik, die ich kenne. Diese Woche kam dann noch eine persönliche Aktualität hinzu und die Worte passen einfach wie die Faust aufs Auge. Wenn zusätzlich der Vortrag noch so emotional ist (man glaubte Andreas jedes Wort, das er sang), war es kein Wunder, dass nicht nur ich, sondern auch mehrere Personen in der unmittelbaren Umgebung, Taschentücher herauskramten.

Nachdem sich danach alle wieder gesammelt hatten, nahm uns Andreas mit auf eine „kleine Reise“, ein Stück, dass es hoffentlich auf die nächste CD schafft.
“Children” erfüllte wie gehabt die Erwartungen, die man nach der ersten gespielten Note bereits hat. Wenn alle Instrumente zusammenkommen, haut einen das Klangerlebnis fast um.


Das Publikum bekam im zweiten Teil erneut die Gelegenheit, sich beim “Hunger nach Fisch” textlich einzubringen. “Telefonieren” war nun einer der Vorschläge, der
Andre Krengel zu einem Vergleich von der Wählscheibe eines alten Telefons mit dem Vorhof einer weiblichen Brust verleitete.Das Publikum lag am Boden und als Jörg Siebenhaar dann auch noch spontan am Akkordeon einen Karnevalstusch spielte, war es erst mal vorbei. Herr Schleicher setzte noch einen drauf, indem er Andres „lustige Gesichtsausdrücke beim Gitarrespielen“ pantomimisch darstellte. “Je leiser er spielt, desto lustiger schaut er”.
Unter sehr viel Disziplin und Contenance war es dann möglich, das nächste Lied anzustimmen und die Zugaben „Perfekter Song“, „Ab 30“ und „Stop this train“ beschlossen einen wunderbaren Konzertabend. Wenn es Musiker an einem Abend schaffen, einen durch ihre Musik auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitzunehmen, und man sowohl Tränen der Rührung als auch Lachtränen wegwischen kann, dann haben sie alles richtig gemacht.

Durch den kleinen Rahmen des Konzerts und die überschaubare Anzahl an Besuchern (viele davon offensichtlich auch Freunde und Familie der Musiker) hatte man fast das Gefühl, einem Privatkonzert beizuwohnen. Alles wirkte locker, unkompliziert und man merkt den Gruppen an, dass sie mittlerweile aufeinander eingespielt sind, und nur ein Blick genügt, um sich zu verständigen. Auch wenn der Mann am Ton schon mal verwirrende Brummgeräusche verursacht, die die Musiker aus dem Takt bringen.
Die gute Nachricht war, dass diese drei Konzerte nicht die letzten in dieser Konstellation waren und im Herbst weitere Auftritte geplant sind – hoffentlich auf etwas größeren Bühnen.
Wir werden uns jederzeit wieder auf eine „kleine Reise“ machen, um mit dabei zu sein.

Hunger nach Pics

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Die Nordsee ruft

Die Vorbereitungen laufen

So langsam läßt die Winteruhe nach und ein Blick auf den Kalender hat gezeigt, daß der nächste Urlaub gar nicht mehr solange hin ist. Wahrscheinlich kommt er schneller als der Frühling.

Dieses Jahr geht es wieder an meine geliebte Nordsee, aber an eine andere Ecke der Küste.
Haben Küsten überhaupt Ecken?
Ich werde nachschauen.

Na egal, ich kann es kaum abwarten, wieder Seeluft zu schnuppern, mir eine Brise durch’s Fell wehen zu lassen und Nussfische zu angeln.

Da kam die Bäderzeitung, die ich gestern aus dem Briefkasten gefischt habe, gerade recht. Lutz und ich schauen uns schon einmal an, was uns an diesem Teil der See erwartet.

Meinen Urlaubsbericht findet ihr danach natürlich auch wieder hier. Wenn wir denn eine Bleibe finden, die ein Murmeltier, einen Tiger und zwei Menschen aufnimmt. Wir hoffen, daß auf den nächsten Seiten noch was kommt.

 

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Magma lauter

Der Tag wird kommen…

…an dem ich Selig live sehen werde. Dessen war ich mir die ganzen Jahre bis zur Wiedervereinigung sicher. Aber daß sie dann so produktiv sein würden und ich innerhalb von vier Jahren so oft das Vergnügen haben würde sie live sehen und hören zu dürfen, wagte ich nicht zu träumen. Denn letzten Sonntagnachmittag machten wir uns bei trockenem und fast frühlingshaften Wetter (den eisigen Wind spürt man im Auto zum Glück nicht :-) ) auf dem Weg zu meinem fünften Konzert der sympathischen Hamburger.

Wir waren früh genug, um vor der Halle noch etwas Schutz vor dem bitterkalten Wind und später einen guten Platz in der ersten Reihe zu bekommen. Die Hallenbelegschaft hatte ein Einsehen mit den bibbernden Fans und öffnete die Pforten in die Halle zehn Minuten vor 19.00 Uhr, dafür sollten Selig eine gute Viertelstunde zu spät anfangen. Naja, wahrscheinlich wollten sie noch die Tagesschau sehen. Zum Glück sind sie keine Tatort-Fans. :-)
Dafür verzichten Selig immer auf eine Vorband, was ich persönlich sehr begrüße. Mir ist ein langes Konzert der Hauptband wichtiger, als vorher einen Support, im schlimmsten Fall, ertragen zu müssen. Außerdem muß niemand das Publikum vor Selig aufwärmen, daß schaffen die Fünf ganz gut und ziemlich flott von alleine. :-)

Die Musik verstummte, die Bühne wurde dunkel und die Band betrat unter frenetischem Jubel die Bühne, allen voran Stoppel und Malte. Als alle Fünf ihre Plätze eingenommen hatten, begann das Konzert, wie das neue Album mit “Ich lüge nie”. Wie gewohnt steht Jan nicht still, rennt von rechts nach links, hüpft, tänzelt und vergisst dabei das Singen nicht. Das zweite Lied, “Sie scheint”, stammt ebenfalls von “Magma”. Die Band war sichtlich gut drauf, Christian bangte was das Zeug hielt und Malte schien es kaum hinter seinem Keyboard auszuhalten.  Das Publikum taute mehr und mehr auf; spätestens beim dritten Lied, dem ersten musikalischen Lebenszeichen nach der Reunion, “Schau Schau”, sang die ganze Halle mit.

Das Bühnenbild war schlicht und bestand im Grunde nur aus einigen Lichtstreifen hinter den Podesten für Schlagzeug und Keyboard, die je nach Lied in anderen Farben leuchtete und dadurch die Stimmung der Stücke unterstütze. Und wie am Vorabend stand auch in Köln im Hintergrund, zwischen Keyboard und Schlagzeug, eine kleine Trommel. Ich hatte schon geschlussfolgert: “Köln + Trommel = Sie spielen bestimmt “Wenn et Trömmelchen jeht”, aber ich lag falsch.
Denn nach Jan’s Frage “Ist es wichtig”, die die Halle immer mit “so richtig wichtig ist es nicht” beantwortete, verließ Stoppel den Platz hinter seinem Schlagzeug und spielte einen ruhigen, fast hypnotischen Rhythmus mit der einsamen Trommel. Jan nutzte die musikalische Untermalung um eine der wenigen Ansagen des Abends zu machen. So malte er mit Worten die Szenerie eines vorbeiziehendes Frachters, den man vom Ufer aus verfolgt, um in “Der Tag wird kommen” einzuleiten. Dem Lied folgten noch zwei weitere “Magma”-Stücke. Erst das ruhige “Zeit”, das zu meinem persönlichen Lied des Wochenendes geworden ist und “Bring mich heim”. Aber die Zeit für die Heimfahrt war noch nicht gekommen und so ging das Stück nahtlos in “5000 Meilen” vom Vorgängeralbum über. Mir haben die Übergänge und langen Intros ziemlich gut gefallen, auch wenn ich dadurch das ein oder andere Mal zu früh begonnen habe, mitzusingen. :-)
Da war ich allerdings nicht der Einzige, denn selbst Jan verpaßte einmal seinen Einsatz und zeigte lachend auf Malte, der die Schuld aber wieder zurückgab. Wie gesagt, die Band war sehr gut aufgelegt.

Die Bühne wurde während des Titelliedes des aktuellen Albums passend in organe-rotes Licht getaucht. Darauf folgte mit “Von Ewigkeit zu Ewigkeit” eines der schönsten Liebeslieder. Keine andere deutsche Band versteht es besser, Gefühle in unkitschige Worte zu packen und mit der passenden Melodie zu versehen.
Mit “Die alte Zeit zurück” beschwor Jan wieder geometrische Gärten, bevor mit “Bruderlos” das letzte Lied des regulären Sets gespielt wurde. Obwohl das Lied eigentlich eher ruhiger Natur ist, schien sich sämtliche verbleibende Energie zu entladen. Die Instrumente steigerten sich zum Ende zu einer den Raum ausfüllenden Klangkulisse und beendeten damit das Konzert (vorerst) vor einem ekstatischen Publikum.

Nach dem Verneigen und dem Abgehen, dauerte es natürlich nicht lange, bis Selig wieder die Bühne betraten und die Zugabe mit drei Liedern vom ersten Album begannen. Selbstverständlich sind das die Lieder, die jeder im Saal mitsingen kann. Egal ob “Sie hat geschrien” oder “Wenn ich wollte” und bei “Ohne dich” konnte Jan seine Stimme schonen, denn der Text wurde aus 1800 Kehlen auf die Bühne gesungen. Gänsehaut pur!

Die fünf begeisterten Musiker verneigten sich abermals vor dem  euphorischen Zuschauern, bevor sie wieder die Bühne verliessen. Die Zugabenrufe begannen und kurz darauf setzte sich Malte wieder hinter sein Keyboard um sich im orangen Licht einen zu orgeln. Also, um das Orgelintro zur ersten Singleauskopplung “Alles auf einmal” zu spielen. Ich finde es mutig, eine Single im Zugabenblock zu spielen, aber die Menge belehrte mich eines Besseren und sang wieder lautstark mit. Das war bei “Mädchen auf dem Dach” nicht anders. Und wie könnte man so einen besonderen Abend besser beenden als mit dem Versprechen: “Wir werden uns wiedersehen”? Die Fans nutzten die letzte Chance mitzusingen aus vollem Hals.

Die “Oh-ho”-Rufe des Publikums ebbten auch nicht ab, als die Band das dritte Mal die Bühne verließ. Bei der Beigeisterung ließen sie es sich natürlich nicht nehmen, noch einmal sehr angetan und dankbar vor die ausgelassenen Zuschauer zu treten. Nur Christian war mit einer akustischen Gitarre bewaffnet, Stoppel und Malte setzten sich vor das Keyboard, an das sich Malte lässig lehnte. Zuerst unterstützte Christian die “Oh-ho”-Rufe, die Jan anfeuerte, um die Halle dann mit einer akustischen Version von “Regenbogenleicht” wieder in die dunkle, kalte Nacht zu entlassen.


Bei der kleinen Clubtour im vergangenen November, auf der das neue Album komplett live gespielt wurde, hatte ich den Eindruck, daß Selig deutlich rockiger zu Werke gingen als gewohnt. Im Februar hielt ich dann endlich “Magma” in Händen und konnte die Scheibe in Ruhe genießen. Ich war überrascht, denn von Rock ist auf dem Album nur vereinzelt etwas zu spüren. Der neue Produzent hat ihnen sämtliche Ecken und Kanten abgeschliffen und die Lieder klingen fast durchweg zu glatt für eine Rockband. Eigentlich kaum vorstellbar, wenn man erleben darf, wie Selig ihren Liedern live Atmosphäre und Kraft verleihen. Das haben Sie auch am Sonntag eindrucksvoll und mit einer anscheinenden Leichtigkeit gute zwei Stunden lang geschafft. Und ich wage die Prognose, daß niemand auf oder vor der Bühne den Tatort an diesem Abend vermisst hat. :-)

Alles auf einmal

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SchottenRock

Genesis Vs. Stiltskin

Zum siebten Mal durften wir an einem winterlichen Märzabend Ray Wilson live erleben. Das zweite Mal in Holly’s Heimatort und ehemaliger Schulsportstätte – wer hätte das gedacht? Ray wer? Der sympathische Schotte mit der sanften Stimme löste Anfang der Neunziger Jahre Phil Collins ab und sang auf dem letzten regulären Studioalbum von Genesis: „Calling all stations“. 1994 machten Stiltskin mit Ray am Gesang und dem rockigen „Inside“ auf sich aufmerksam (vor allem in der Werbung für Jeans). Seitdem arbeitet sich Ray mit diversen musikalischen Projekten durch alle Sparten der Musik und tourt regelmäßig fleißig durch ganz Deutschland. Unser erstes Konzert von ihm ist im Herbst schon 10 Jahre her – time flies!

Zurück zur Gegenwart. Eine Stunde vor Einlaß an der Georg-Heimann-Halle angekommen, waren noch nicht viele Leute vor Ort. Angenehmerweise war das Foyer bereits geöffnet und man konnte immerhin im Warmen warten und war vor dem eisigen Frühlingswind geschützt. Immer mehr Menschen fanden schließlich den Weg zur Halle, darunter auch erfreulich viele bekannte Gesichter und es wurde schnell klar: Die Halle würde gut gefüllt werden – mit altersmäßig gemischtem Publikum.

Pünktlich betrat die Band, die Ray schon sehr lange begleitet, die Bühne: Bruder Steve Wilson (Gitarre), Ali Ferguson (Gitarre), Lawrie Macmillan (Bass), Ashley MacMillan (Drums), sowie die Violinistinnen Barbara Szelągiewicz und Alicia Chrzaszcz und Pianist Darek Tarczewski. Ray Wilson ließ sich auch nicht lange bitten und alle eröffneten mit „American Beauty“ den Konzertabend. Nach der ersten Genesis-Nummer „That’s all“ richtete Ray dann das erste Mal das Wort an das Publikum, machte einen obligatorischen Kommentar über das schöne Frühlingswetter und betonte sogar den Namen der Gastgeberstadt korrekt (dies trifft noch nicht mal auf einige Landsmänner zu, also Respekt!). Weiter im Programm ging es mit einem Stück des neuen Albums, von dem es an diesem Abend mehrere Appetithappen gab, und welches im April veröffentlicht wird, wie Ray nicht müde wurde, zu betonen.

Im Programm hielten sich eigene Songs, wie „Bless me“ die Waage mit Genesis- und Stiltskin–Stücken. Allerdings wurden auch seine Genesis-Vorgänger Peter Gabriel und Phil Collins gewürdigt („Another Day in Paradise“, „Solsbury Hill“).
Es hatte uns ja sehr gefreut, dass das Konzert unbestuhlt und rockiger sein sollte, allerdings störte die Pause mittendrin schon ein wenig den Fluss. Letztes Lied vor der Pause war „Mama“, von Genesis-Fans immer sehr gefeiert, ich persönlich könnte auch darauf verzichten. Am heutigen Abend war die Darbietung aber schon sehr genial. Das diabolische, gesungene Lachen „HaHA-HA“ wurde nicht nur sehr intensiv und ausdruckstark von Ray hervorgestoßen, es wurde durch einen Lichtwechsel sehr gut in Szene gesetzt. Fast schon beängstigend.

Der zweite Teil startete heavy: „Inside“ stand auf dem Programm und Holly zeigte dem Kind in der ersten Reihe, wofür lange Haare da sind. Was so rockig begann, ließ dann jedoch rapide nach und ruhigere Stücke (wie z.B. „Carpet Crawlers“ oder „Shipwrecked“) dominierten den zweiten Teil. Auch konnten die beiden Geigerinnen zeigen, dass sie nicht nur optische Reize zu bieten haben, sondern auch tolle Musikerinnen sind. Bei „Horizons“, „Ripples“ und „Entangled“ konnten Barbara und Alicia ihr ganzes Können sehr eindrucksvoll zeigen. Auch Darek wusste die Netphener mit einem Klassikmedley auf dem Klavier zu begeistern. Bei „Solsbury Hill“ fand die Stimmung auf und vor der Bühne ihren Höhepunkt. Man sah sogar Gitarristen Ali Ferguson lachen. Ein sehr seltenes Bild an diesem Abend, er wirkt immer sehr konzentriert bei seinem Spiel, fast schon abweisend.
Die Zugaben standen ganz im Zeichen des Genesis Albums „Calling all Stations“. Zunächst mit dem Titelsong, der wohl zu den besten Songs gehört, die je geschrieben wurden. Er versetzt einen immer in eine ganz besondere Stimmung und es ist eines der Lieder, das man einfach niemals leid wird (rein subjektiv natürlich). Als Abschluß gab es dann „Congo“ und Ray trat den aktiven Beweis an, dass die einsame Bongo-Trommel auf der Bühne nicht bloß zur Deko dort stand. Unter großem Applaus wurde das Ensemble anschließend verabschiedet.


Ray Wilson hat einfach eine der schönsten und vielseitigsten Stimmen im Rock- Bereich. Sie ist sanft für Balladen, kann bei den rockigen Stücken jedoch auch ordentlich röhren. Leider bewegt sich Ray immer weiter vom harten Rock hinweg und steuert auf klassische Arrangements zu : „Genesis Classic“ oder rein akustische Konzerte. Klingt mit seiner Stimme natürlich auch gut, aber bei „Inside“ gehört einfach eine E-Gitarre dazu (zu der er am ganzen Abend nicht gegriffen hat – wenn er selbst spielte, dann die akustische). Auch der für den Herbst angekündigte Gig in Kaan Marienborn(!!!!) wird ein akustischer Abend werden. Nichtsdestotrotz werden wir Ray die Treue halten, denn auch er ist einer der sympathischen Musiker, die wir gerne unterstützten – vor allem wenn sie so oft hier in die Nähe kommen.
Bless you Ray!

Pics from a small town

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